PORTUGAL 2020

„Die Kunst befreit uns auf illusorische Weise von dem Schmutz des Seins.

Solange wir die Leiden und die Schmach Hamlets, des Prinzen von Dänemark, fühlen, fühlen wir die unsrigen nicht – gemeine Leiden, weil es unsere sind, und gemein, weil sie gemein sind. Die Liebe, der Schlaf, die Drogen und die Gifte sind Elementarformen der Kunst, oder, besser gesagt, sie bringen die gleiche Wirkung hervor wie sie. Aber auf Liebe, Schlaf und Drogen folgt allemal die Desillusionierung. Die Liebe wird man satt oder sie enttäuscht. Aus dem Schlaf erwacht man und, während man geschlafen hat, hat man nicht gelebt.

Die Drogen bezahlt man mit dem Ruin derselben Physis, zu deren Stimulierung sie gedient haben. Aber in der Kunst gibt es keine Desillusionierung, denn die Illusion war von Anfang an einkalkuliert. Aus der Kunst gibt es kein Erwachen, den in ihr schlafen wir nicht, wenn wir auch träumen mögen. In der Kunst gibt es keinen Tribut, keine Strafe, die wir bezahlen müssten, weil wir sie genossen haben. Den Genuss den sie bietet, brauchen wir, da er in gewisser Weise nicht der unsrige ist, weder zu bezahlen noch zu bereuen. 

Unter Kunst verstehen wir alles, was uns entzückt – ohne das es uns gehört – die Spur unserer Durchreise, das einem anderen Menschen gewährte Lächeln, den Sonnenuntergang, das Gedicht, das objektive Weltall. 

Besitzen heisst verlieren. Fühlen ohne zu besitzen, heisst bewahren, denn es bedeutet, aus einer Sache ihr Wesen herauszuziehen.“

Fernando Pessoa (1888- 1935) – Das Buch der Unruhe 1982

PORTO

Ein fotografisches Stadtportrait

mit Texten von Fernando Pessoa (1888- 1935) – Das Buch der Unruhe 1982

„Wolken … Heute erlebe ich den Himmel mit Bewusstsein, es gibt nämlich Tage, an denen ich ihn nicht anschaue, sondern höchstens fühle, weil ich in der Stadt lebe und nicht in der Natur, die sie einschliesst. Wolken … Sie sind heute für mich die Hauptsache der Wirklichkeit und beschäftigen mich so, als ob das Überwachen des Himmels eine der grossen Sorgen meines Schicksals sei. Wolken … Sie ziehen von der Hafeneinfahrt hinüber zur Burg, von Westen nach Osten, in zerstreutem, nackten Tumult.“

Fernando Pessoa (1888- 1935) – Das Buch der Unruhe 1982

Dem Douro entlang

„Der sinkende Tag endet flüssig in müdem Purpur. Niemand wird mir sagen können, wer ich bin, noch erfahren, wer ich gewesen bin. Ich stieg von dem unbekannten Berg hinab ins Tal, dass ich nicht kennenlernen sollte, und meine Schritte waren im langsamen Abend auf den Lichtungen des Waldes hinterlassene Spuren.“

Fernando Pessoa (1888- 1935) – Das Buch der Unruhe 1982

Porto – Urban Art

„In der heutigen Zeit gehört die Welt nur den Narren, den Grobschlächtigen und den Betriebsamen. Das Recht zu leben und zu triumphieren erwirbt man heute fast durch die gleichen Verfahren, mit denen man die Einweisung in ein Irrenhaus erreicht: die Unfähigkeit zu denken, die Unmoral und die Übererregtheit.“

 

Fernando Pessoa (1888- 1935) – Das Buch der Unruhe 1982